Austin, Texas

Bericht 1: Austin, Texas – August 1999

Es geschieht soviel, und zum Teil geschieht es so unerwartet anders als erwartet. All die Überraschungsmomente und Prickeleffekte lassen gar keinen allzu großen Freiraum für Mußestunden und wohltuend konzentrische Kreise, um was auch immer.

Vielleicht beginne ich einfach mal mit ein paar surprisings, wie beispielsweise dem fiesen fact, dass ich nur knapp achtundvierzig Stunden Besitzerin eines nagelneuen MTBs war und nun wieder Fußgängerin bin. Eine Tatsache mit Folgen, denn so erhalte ich nach 22.00 Uhr bei BURGER KINGs Drive Thru wieder kein Futter... "Sorry, we're not allowed to serve people without a vehicle."

Aber das ist ja auch nach mehr als zwei langen Wochen des Gelegenheitsfastens gar nicht mehr nötig; heute morgen öffnete die Cafeteria unseres private dormitorys (Wohnheim) ihre Pforten, und ab sofort erhalten wir bis zu 19 meals per week. Langjährige erfahrene Mitbewohner warnen eindringlich vor einer möglichen Überdosis... it’s said to be very greasy food...

Dennoch – als human being without a car darf man sich ohne weiteres partiell verloren fühlen; es gibt aufgrund der flächendeckenden Besiedelung genügend Punkte, die sich ohne fahrbaren Untersatz nur mit Mühe (oder eben gar nicht) erreichen lassen. Das ÖPNV-Netz (nur Busse, zero subways!) kann westeuropäischem Standard jedenfalls nicht das Wasser reichen. Warum auch – hier besitzt jeder zumindest einen alten Chevy. Auf Uralt mit vielen (Parkraum-)Sorgen habe ich allerdings keine Lust. Ich beschloss mit ein paar Freunden, für Ausflüge die Möglichkeit des Rent-a-Car zu nutzen.

ÖPNV Teil II. An "ozone days" dürften alle Austinites (= Bewohner Austins) kostenlos Bus fahren. Nichtsdestotrotz gehören die Fahrgäste, sofern sie nicht international students sind, im Allgemeinen einer einzigen sozialen Schicht an... spätabends wird es ganz besonders challenging.

Nun besteht das Leben durchaus nicht nur aus Mobilität, sondern eben auch aus Tee. Zu den ersten Dingen, die ich mir nach dem Einzug in meine Großraumwabe besorgen wollte, zählte natürlich der obligatorische Wasserkocher. Keine Frage, ein echter BODUM hätte mir gefallen... doch, welch große Überraschung, es brauchte Tage, trotz intensiver Suche, bis ich einen Wasserkocher (ohne Abschaltautomatik) fand. Hier trinkt man Kaffee...

Generell ist hier alles irgendwie bigger, sweeter und, wenn es sich um Nahrung handelt, trotzdem fat-reduced or even fat-free.

Living in America builds character. Und wer weiß, wie ich reagiert hätte, wäre ich nicht im vergangenen und vorvergangenen Jahr in den USA touristisch unterwegs gewesen. Immerhin erhielt ich damals einen allerersten Eindruck.

Bisher könnte man vermuten, ich sei aufgrund mangelnder Mobilität und fettfreier Nahrung (haha, ich habe tatsächlich abgenommen...) ein wenig enttäuscht. Mmh, dem ist nicht so, denn Enttäuschung und permanent latente miese Laune sind dem Wetter überhaupt nicht gewachsen. Es ist beinahe immer sonnig. Es ist immer heiß, tagsüber meistens um 40 Grad Celsius. Es ist also immer Outdoor-Kuschelwetter. Die Erkältungen gibt es indoor, air-conditioned. Ich liebe dieses Wetter draußen! (Das war nicht anders zu erwarten; ich fand auch Death Valley klasse.)

Und nun zum akademischen Part...
Der Campus ist – anders als der der Ruhr-Uni. Er ist vergleichsweise alt, wirkt erhaben, und an vielen Ecken riecht es intensiv nach Wissen und Weisheit. Vor allem bei den Soziologen... die hier im Übrigen ein völlig anderes, nämlich höheres Ansehen genießen als bei uns in good old Germany. Bislang gefällt es mir hier extrem gut! Eben genauso gut wie in Bochum, nur anders gut.

Auch die vielfältigen Einführungs- und Infoveranstaltungen, die ich in den vergangenen zweieinhalb Wochen besuchte, machten einen wohltuend guten Eindruck. Ich hoffe für Gaststudenten an der Ruhr-Universität Bochum, dass sie sich ebenso gut aufgehoben fühlen dürfen wie wir hier. Zugegeben, noch fällt es mir schwer, zwischen genuiner Freundlichkeit und professioneller Hilfsbereitschaft zu unterscheiden; im Zweifelsfall entscheide ich mich präventiv für eine Zuordnung zur ersten Kategorie, denn das lässt auch mich mehr strahlen... haha.
Die Uni bietet insbesondere in den ersten Wochen jede Menge großer und kleiner exquisiter events an. Wir werden voll auf GONE TO TEXAS! getrimmt. Eine Bekannte, Daniela aus Freiburg, meinte gestern Abend während einer weiteren Willkommensveranstaltung: "Aha, so werden die Amis hier konditioniert! Kein Wunder, dass es hier so einen Zusammenhalt gibt."

Meine Fächerkombination, die ich in einer Stunde erstmals antesten darf, sieht folgendermaßen aus:

Ich habe beschlossen, die Chance der fachfremden Fächerwahl zu nutzen; ich wählte ein kommunikationswissenschaftliches Fach. Exchange students wird dieser Blick über den Tellerrand auch nahegelegt.

Meine informal classes (Veranstaltungen, die vornehmlich abends stattfinden, und für die es keine credits, so etwas wie akademische Leistungspunkte, und keine Noten gibt):

Uni-Vereine und Vereinigungen, denen ich gerne angehören möchte:

Die meisten meiner bisherigen (noch weitgehend unbekannten) Bekannten sind wie ich international exchange students, hauptsächlich aus Deutschland, Japan, Indien. Es fällt in der Tat nicht schwer, schnell viele neue Leute kennen zu lernen. Schwerer dürfte es sein, Kontakte zu richtigen Freundschaften auszubauen. Vor allem die Ureinwohner, also die Amerikaner, ließen sich bislang wenig blicken. Es waren ja auch noch Semesterferien, bloß für uns ging es schon am 9. August los. Der emotionale Zugang zu Amerikanern scheint, mmh, nicht immer ganz einfach zu sein, so erfuhren wir in einer short orientation session (SOS) mit dem Titel "Making Friends in America". Mal sehen, wann der Tag kommt, an dem ich mehr Adressen von Amerikanern als von Japanern im Adressbuch habe...
Stichwort Adresse. Dies ist meine:

Nadine M. Schoeneck
2707 Rio Grande B # 118
Austin, Texas 78705
U.S.A.
Hotline 001-512-499-8292
email: nadine.schoeneck@mail.utexas.edu

Diese Adresse wird bis Mitte Dezember Gültigkeit haben; ich werde zum nächsten Semester voraussichtlich in ein Appartement ziehen.
So, nun muss ich los... meine erste Unterrichtsstunde ruft.
Ganz liebe Grüße von der Texasfront,
Eure Nadine

PS: Zwischenzeitlich habe ich den GOV-Kurs gedroppt; dafür habe ich ab morgen "Sociology of Deviance" (= gesellschaftlich abweichendes Verhalten; Schwerpunkt wird white-collar crime sein). Ist nicht meine Traumwahl, aber dazu später.

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